Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) vom 21.05.2026:
Am 23. Mai 2026 ist „World Fish Migration Day”: Wanderfische – kaum Bewegungsspielraum
Manche Fische müssen wandern, um das Überleben ihrer Art zu sichern – doch ihre Wege sind zunehmend versperrt. Selbst Schutzgebiete bieten kaum Schutz, da sie für Wasserlebewesen oft ungeeignet sind. Die Kombination aus physischen Barrieren und unzureichend geschützten aquatischen Lebensräumen führt dazu, dass viele wandernde Süßwasserfische ihre natürlichen Routen nicht mehr nutzen können. Die Folge: Bestände schrumpfen – um rund 80 Prozent in den letzten 50 Jahren. Der Internationale Tag der Wanderfische (World Fish Migration Day) am 23. Mai 2026 macht auf Wanderfische und frei fließende Flüsse aufmerksam. Ein Überblick des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB).
Weltweit sind etwa 15.000 Süßwasserfischarten auf Wanderungen angewiesen, um ihren Lebenszyklus zu vollenden, d.h. ihre Laichgründe oder ihre Aufwuchsgebiete zu erreichen. Unter diesen Arten hält der Platin-Spatelwels (Brachyplatystoma rousseauxii) mit einer Strecke von 11.000 Kilometern, das entspricht etwa einem Viertel des Erdumfangs, einen Rekord: Es ist die weltweit längste Süßwasserwanderung – zu den Laichplätzen an den Ausläufern der Anden und zurück zur Mündung des Amazonas. Doch für diesen Fisch und viele andere endet die Reise oft schon nach wenigen Kilometern. Zahlreiche Hindernisse wie Wehre oder Wasserkraftanlagen versperren ihnen den Weg.
Die versteckten Kosten der Wasserkraft
Die genaue Anzahl der Wasserkraftwerke weltweit ist schwer zu bestimmen. Bekannt sind mehr als 2.800 Stauseen mit einer Fläche von über 10 Quadratkilometern, die oft mit großen Wasserkraftwerken verbunden sind. Da kleine Wasserkraftanlagen keine großen Stauseen bilden, bleibt ihre Anzahl eine unbekannte Größe. Schätzungen zufolge sind jedoch mehr als 80.000 Kleinwasserkraftwerke in Betrieb oder im Bau – mit steigender Tendenz. Viele dieser Anlagen befinden sich in Hotspots der Süßwasserbiodiversität, darunter die Einzugsgebiete der Flüsse Amazonas, Kongo, Ganges und Mekong.
„Wir beobachten sehr unterschiedliche Typen von Wasserkraftanlagen und regional unterschiedliche Entwicklungen”, sagt die IGB-Direktorin Prof. Sonja Jähnig. „In Deutschland, in der Alpenregion und in Europa insgesamt dominieren kleine Wasserkraftwerke. Viele von ihnen tragen nur wenig zur Energieerzeugung bei, haben aber erhebliche Auswirkungen auf die Flussökosysteme. Flüsse in Asien und Südamerika, die besonders artenreich sind und viele wandernde Arten beherbergen, sind dagegen zunehmend durch große Wasserkraftprojekte bedroht.“
In einer Studie in Biological Conservation hat ein Forschungsteam mit Sonja Jähnig die Folgen der Wasserkraft für große aquatische und semiaquatische Tiere zusammengefasst. Laut der Roten Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) stellen Staudämme eine Bedrohung für fast 4.000 aquatische, semiaquatische und terrestrische Arten dar. So sind die Bestände wandernder Süßwasserfische, für die es ein Monitoring gibt, zwischen 1970 und 2020 im Durchschnitt um 81 Prozent zurückgegangen.
Keine Verbindung mehr: abgeschnitten von den Auen und vom Flussverlauf
Die von der Wasserkraft ausgehenden Gefahren beruhen auf einer Vielzahl von Faktoren. Besonders gravierend ist der Verlust der Konnektivität, also der Verbindung. Die Flusskonnektivität umfasst mehrere Dimensionen: die drei räumlichen Dimensionen – die Längsverbindung entlang des Flussverlaufs, die seitliche Verbindung zu den Auen sowie den vertikalen Austausch mit Grundwasser und Atmosphäre. Hinzu kommt die zeitliche Dimension, die sich auf natürliche Prozesse wie den Wasserfluss, den Sedimenttransport und die Temperaturentwicklung bezieht.
„Wasserkraftwerke können alle vier Dimensionen dieser Konnektivität verändern und somit verschiedenste Auswirkungen auf die Biodiversität haben. Beispiele sind Lebensraumverlust durch Stauung, Beeinträchtigung von Wanderungen sowie erhöhte Verletzungs- und Sterberaten durch Turbinen oder sogenannte Schwall-Sunk-Effekte“, erklärt Sonja Jähnig.
Eine andere IGB-Studie in Conservation Biology mit Daten von 122 Wasserkraftwerken ergab, dass etwa jeder fünfte Fisch beim Abstieg durch Turbinen stirbt oder schwer verletzt wird. Bei mehreren Anlagen entlang eines Flusses steigt dieses Risiko. Zwar wurden an vielen Wasserkraftwerken Fischaufstiegsanlagen gebaut, deren Wirksamkeit ist jedoch oft begrenzt.
Wandernde Süßwasserfische sind „ein blinder Fleck“ beim Schutz wandernder Tierarten
Trotz ihrer Schutzbedürftigkeit sind Süßwasserfische auf vielen Schutzlisten schlecht vertreten. Ein Beispiel ist die Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (CMS). In einer Studie in Nature Reviews Biodiversity hat ein Forschungsteam des IGB aufgezeigt, dass Süßwasserfische in den Anhängen der CMS nicht ausreichend berücksichtigt werden. Denn von den 1.100 gelisteten Arten sind lediglich 23 Süßwasserfische.
LIES MEHR:
Vollständige Pressemitteilung https://idw-online.de/de/news871193
Wissenschaftliche Ansprechpartner
Prof. Sonja Jähnig, Direktorin IGB: https://www.igb-berlin.de/profile/sonja-jaehnig
Dr. Sami Domisch, IGB: https://www.igb-berlin.de/profile/sami-domisch
Dr. Jörn Geßner: https://www.igb-berlin.de/profile/joern-gessner
Originalpublikation
Vassil Y. Altanov, Sonja C. Jähnig, Fengzhi He,
A systematic map of hydropower impacts on megafauna at the land-water interface,
Biological Conservation, Volume 305, 2025, 111092, ISSN 0006-3207,
https://doi.org/10.1016/j.biocon.2025.111092 (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0006320725001296)
He, F., Hogan, Z., Jähnig, S.C. et al. The untapped potential of CMS for migratory freshwater fishes. Nat. Rev. Biodivers. 2, 4–6 (2026). https://doi.org/10.1038/s44358-025-00115-z
Sinclair, J.S., Stubbington, R., Welti, E.A.R. et al. Current protected areas provide limited benefits for European river biodiversity. Nat Commun 16, 11146 (2025). https://doi.org/10.1038/s41467-025-67125-5
Weitere Informationen
Text mit allen Links zu Publikationen und Projekten: https://www.igb-berlin.de/news/wanderfische-kaum-bewegungsspielraum